The Present in Drag, Berlin Biennale

Die 9. Berlin Biennale war für mich definitiv keine Liebe auf den ersten Blick. Aber wenn man sich auf sie einlässt, erlebt man eine Biennale, die man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Willkommen in der Postgegenwart.

Mein erster Eindruck – Orientierungslosigkeit und Überforderung in der Akademie der Künste. Die verwinkelte Architektur lässt hier nicht genug Raum zum Atmen, sodass sowohl Besucher als auch die Kunst in Bedrängnis geraten. Eine Ausnahme bilden dabei die beiden Arbeiten von Hito Steyerl im Keller sowie die ruhige Ecke, die Timur Si-Qin für A Reflected Landscape fand.

In der European School of Management and Technology (ESMT) hat die Kunst deutlich mehr Platz. Hier wird wohl vor allem die raumgreifende Arbeit von GCC im kollektiven Gedächtnis bleiben – die Positive Pathways, in Form einer roten Tartanbahn, zählen zu den wohl am häufigsten fotografierten und geteilten Kunstwerken dieser Biennale.

Zum Fan wurde ich allerdings erst in der Feuerle Collection. Die im Erdgeschoss der Bunkeranlage gezeigten Arbeiten, aber vor allem deren Präsentation ist großartig. Allen voran die Serie Hands „Für mich“ von Josephine Pryde. Die Fotografien zeigen die teils intime Beziehung von Händen zu den glatten Oberflächen von Smartphones und Tablets, aber auch zu der Struktur von Treibholz oder einem Wollpullover. Die Bilder kann man im Vorbeifahren betrachten – auf einer Miniatureisenbahn mit dem Titel The New Media Express.

Nicht weniger beeindruckend sind die totemartigen Assemblagen aus online geshoppten Objets trouves der chinesischen Künstlerin Guan Xiao. Sunrise beispielsweise zeigt, wie ästhetisch Autoreifen im aufgehenden Licht einer Leuchtreklame sein können, wenn man sie mit einem unechten Palmenblatt und Kunstblumen kombiniert.

In die Kunstwerke ging ich vor allem, weil ich mir die Installation Office Of Unreplied Emails von Camille Henrot nicht entgehen lassen wollte. Kombiniert mit den Gemälden 11 Animals that Mate 4 Life, zeigt die Künstlerin die handgeschriebenen, sehr emotionalen Antworten auf einhundert unbeantwortete Mails aus ihrem Posteingang. Alle Mails stammen von gemeinnützigen Organisationen, die Henrot früher unterstützte. Die übertrieben besorgten und liebevollen Antworten sind eine Reaktion auf die Dringlichkeit, die diese Massenmails vortäuschen: „Camille, bitte melde dich noch vor Mitternacht!“.

Auch wenn ich in erster Linie für Henrot kam, so überraschten mich doch auch einige andere Arbeiten im KW sehr positiv. Vor allem Wu Tsangs Film Duilian und die Crying Games von Josh Kline.

Eine Biennale, an die ich mich langsam ran tasten musste. Die mich erst ziemlich ratlos machte, bevor ich mich auf sie einlassen konnte. Vielleicht ist das genau der Eindruck, den das Kuratorenkollektiv DIS erreichen möchte. Ich kann jeden nur empfehlen sich Zeit zu nehmen und nicht alle Ausstellungsorte an einem Tag zu besuchen. Dann wird man belohnt von einer Biennale, die genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist.

bb9.berlinbiennale.de
Bis zum18. September 2016.

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Hito Steyerl, Installationsansicht, ExtraSpaceCraft, 2016, 3-channel video installation, environment, HD video, 12.30min, color, sound, Courtesy Hito Steyerl, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Hito Steyerl, Installationsansicht, ExtraSpaceCraft, 2016, 3-channel video installation, environment, HD video, 12.30min, color, sound, Courtesy Hito Steyerl, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Timur Si-Qin, Installationsansicht, A Reflected Landscape, 2016, verschiedene Materialien; HD-Video, Farbe, Ton Mixed media; HD video, color, sound Courtesy Timur Si-Qin; Société, Berlin; Studio Ramos, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Timur Si-Qin, Installationsansicht, A Reflected Landscape, 2016, verschiedene Materialien; HD-Video, Farbe, Ton Mixed media; HD video, color, sound Courtesy Timur Si-Qin; Société, Berlin; Studio Ramos, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, GCC, Installationsansicht, دﺩرﺭوﻭبﺏاﺍٕیﻳجابﯿﻴة /Positive Pathways (+), 2016, Verschiedene Materialien, Courtesy GCC; Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin; Project Native Informant, London; Mitchell-Innes & Nash, NY, Im Auftrag und produziert von Commissioned and produced by Sharjah Art Foundation, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, GCC, Installationsansicht, دﺩرﺭوﻭبﺏاﺍٕیﻳجابﯿﻴة /Positive Pathways (+), 2016, Verschiedene Materialien, Courtesy GCC; Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin; Project Native Informant, London; Mitchell-Innes & Nash, NY, Im Auftrag und produziert von Commissioned and produced by Sharjah Art Foundation, Foto: Timo Ohler

 

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Josephine Pryde, Installationsansicht, Hands „Für mich“, 2014–16, C-Prints C-type prints, glicée prints Courtesy Josephine Pryde; Galerie Neu, Berlin, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Josephine Pryde, Installationsansicht, Hands „Für mich“, 2014–16, C-Prints C-type prints, glicée prints Courtesy Josephine Pryde; Galerie Neu, Berlin, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016 Josephine Pryde, Installationsansicht, Foto: Timo Ohler, From foreground to background: The New Media Express, 2014, Elektrobauteile, Batterien, pulverbeschichteter Stahl, Farbe, MDF, Vinyl Electrical components, Courtesy Josephine Pryde; Galerie Neu, Berlin; Hands „Für mich“, 2014–16, C-Prints C-type prints, glicée prints Courtesy Josephine Pryde; Galerie Neu, Berlin

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Josephine Pryde, Installationsansicht, Foto: Timo Ohler, From foreground to background: The New Media Express, 2014, Elektrobauteile, Batterien, pulverbeschichteter Stahl, Farbe, MDF, Vinyl Electrical components, Courtesy Josephine Pryde; Galerie Neu, Berlin; Hands „Für mich“, 2014–16, C-Prints C-type prints, glicée prints Courtesy Josephine Pryde; Galerie Neu, Berlin

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, GUAN Xiao, Installationsansicht, Sunrise, 2015, Autoreifen, künstliche Pflanzen, Auspuffrohre, Leuchtkasten Car tires, artificial plants, exhaust pipes, lightbox, Courtesy GUAN Xiao; Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, GUAN Xiao, Installationsansicht, Sunrise, 2015, Autoreifen, künstliche Pflanzen, Auspuffrohre, Leuchtkasten Car tires, artificial plants, exhaust pipes, lightbox, Courtesy GUAN Xiao; Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Camille Henrot, Installationsansicht, Office of Unreplied Emails, 2016, Drucke auf Silikon, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin; 11 Animals that Mate 4 Life, 2016, Fresko, Stahl, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin, kamel mennour, Paris, Foto: Timo Ohler, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Camille Henrot, Installationsansicht, Office of Unreplied Emails, 2016, Drucke auf Silikon, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin; 11 Animals that Mate 4 Life, 2016, Fresko, Stahl, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin, kamel mennour, Paris, Foto: Timo Ohler, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Camille Henrot, Installationsansicht, Office of Unreplied Emails, 2016, Drucke auf Silikon, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin, Foto: Timo Ohler, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Camille Henrot, Installationsansicht, Office of Unreplied Emails, 2016, Drucke auf Silikon, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin, Foto: Timo Ohler, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst , 4.6.–18.9.2016, Camille Henrot, Office of Unreplied Emails, 2016, Vorbereitende Skizze, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin; kamel mennour, Paris; Metro Pictures, New York; Camille Henrot, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst , 4.6.–18.9.2016, Camille Henrot, Office of Unreplied Emails, 2016, Vorbereitende Skizze, Courtesy Camille Henrot; KÖNIG GALERIE, Berlin; kamel mennour, Paris; Metro Pictures, New York; Camille Henrot, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Josh Kline, Installationsansicht, Mission Accomplished, 2016, Katzenstreu, Courtesy Josh Kline; 47 Canal, New York; Crying Games, 2015, Leuchtkasten-Display, Plexiglas, LEDs und Strom, Flachbildschirm, Media Player und Holz; HD-Video, Farbe, Ton, 11′51″, Courtesy Josh Kline; 47 Canal, New York, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Josh Kline, Installationsansicht, Mission Accomplished, 2016, Katzenstreu, Courtesy Josh Kline; 47 Canal, New York; Crying Games, 2015, Leuchtkasten-Display, Plexiglas, LEDs und Strom, Flachbildschirm, Media Player und Holz; HD-Video, Farbe, Ton, 11′51″, Courtesy Josh Kline; 47 Canal, New York, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Wu Tsang, Installationsansicht, Duilian, 2016, HD-Video, Farbe, Ton, Loop 26’; verschiedene Materialien HD-video, color, sound, loop, mixed media, 26’, Courtesy Wu Tsang; Isabella Bortolozzi Galerie, Berlin, Foto: Timo Ohler

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 4.6.–18.9.2016, Wu Tsang, Installationsansicht, Duilian, 2016, HD-Video, Farbe, Ton, Loop 26’; verschiedene Materialien HD-video, color, sound, loop, mixed media, 26’, Courtesy Wu Tsang; Isabella Bortolozzi Galerie, Berlin, Foto: Timo Ohler